Vom window of tolerance und persönlichen Grenzen

Hi!

Ich möchte euch erstmal ein sehr gutes Video verlinken, damit ihr wisst, worauf ich mich im Folgenden beziehe:


Es geht um das Thema Entspannung, wobei ich es noch etwas weiter fassen würde. Für mich geht es um das Thema „zur Ruhe kommen können.“

Dami Charf erklärt wie keine anderer die Zusammenhänge von Trauma und deren Folgen im Alltag. Ich kann euch ihre Videos auf YouTube unbedingt empfehlen, wenn euch das Thema auch betrifft.

Ich selber habe unfassbar große Schwierigkeiten damit, zur Ruhe zu finden.
Seit ich denken kann, habe ich Schlafstörungen, die mich extrem in meinem Leben beeinflussen. Ich brauche fast jede Nacht mehrere Stunden um einschlafen zu können. Und wenn ich es dann endlich schaffe, falle ich in einen Zustand den ich komatösen Schlaf nenne. Das ist kein erholsamer Schlaf sondern einfach nur ein Zeichen dafür, dass mein Körper nicht mehr kann. Ich habe den Schlaf so bitter nötig, dass ich am nächsten Morgen im Prinzip keine Termine wahrnehmen kann. Natürlich geht das nicht und ich muss arbeiten.
Jedoch habe ich in der Regel 1 bis 2 Tage in der Woche, an denen ich erst zur Spätschicht muss, an den Tagen schlafe ich dann auch bis Mittags, um ein kleines bisschen mein Defizit an Schlaf und Ruhe zu kompensieren.
Das ist vermutlich der einzige Grund, warum ich die Arbeitsbelastung bisher überhaupt irgendwie aushalten konnte.
Ihr erinnert euch vielleicht: Ausbildung in der Pflege, d,h. Schichtdienst, oft 12-Tage + 22 Schulstunden an 2 Tagen die Woche mit Klausuren, Referaten, Projekten etc.
Selbst wenn ich offiziell nicht arbeiten muss, gibt es einfach immer Leistungsnachweise für die Schule zu erledigen. „Frei“ habe ich nicht mal im Urlaub, denn auch da muss ich Sachen nacharbeiten und vorbereiten.
Die Belastung ist riesig. Die Rahmenbedingungen der Ausbildung sind scheiße, um es mal ganz deutlich zu sagen. Ich mache es wegen des Geldes und des Fachabis, welches ich in „meinem Alter“ auf anderem Wege nicht mehr nachholen kann (Finanziell).
Und nein, ich möchte definitiv nicht in der Pflege bleiben.
Aber ich gehe die meiste Zeit auf dem Zahnfleisch weil ich über meine Leistungsgrenzen hinaus gehen muss, um das auszuhalten.

Und in erster Linie geht es um meine Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen aufgrund traumatischer Erlebnisse in der Kindheit.

In dem Video hat Dami Charf es wunderbar erklärt:
Der Kern von Trauma ist eine Selbstregulationsstörung. Entweder das Nervensystem befindet sich in der permanenten Übererregung oder aber es kommt zum Kollaps, an dem nichts, wirklich nichts mehr geht. Zusammenbruch. Dazwischen ist nicht allzu viel. Und genau das ist der Grund, warum wir PTBS-Menschen so kämpfen in unserem Alltag.
Weil der kleinste Trigger, auch in Form von Reizüberflutung in Sekunden von
0 auf 180 bringen kann.
Die mangelnde Fähigkeit, sich von seiner Umgebung abgrenzen zu können, alles filterlos in sich aufzunehmen gibt dann den Rest fürs Nervensystem.
Keine Grenzen setzen zu können, nicht in der Lage zu sein, sich zu schützen vor (verbalen) Übergriffen, Respektlosigkeiten jeglicher Art sind zumindest in meinem Fall auch Ausdruck des Traumas.
Ich fühle mich oft ausgeliefert. In der Schule, in der Arbeit, unter Menschen.
Sobald ich das Haus verlasse, wächst meine Anspannung automatisch, ich verwende meine Energien jeden Tag darauf, die Anspannung, das Unbehagen auszuhalten.

Und obwohl es für mich so schwer ist, versuche ich seit 1 1/2 Jahren zum wiederholten Male, meine Ziele zu erreichen, etwas aus meinem Leben zu machen, Teil dieser unrealistischen Leistungsgesellschaft zu sein.
Ich passe mich an so vielen Stellen an, ohne dass irgendjemand erahnen kann, wie hoch der Preis für mich ist.
Jeder Tag ist gepflastert von Opfern, die ich erbringe, über die ich meist nicht mehr nachdenke, die selbstverständlich geworden sind. Und dennoch spüre ich jeden Abend, wenn ich wieder nicht einschlafen und zur Ruhe finden kann, wie viel Kraft mich jeder einzelne Tag kostet. Dass wieder alles zu viel war und ich meine persönliche Grenze nicht setzen konnte, weil das bedeutet hätte, nach der Hälfte des Arbeits-/Schultages nach Hause zu gehen.

Oft fehlt es ja auch einfach an Verständnis für einen selbst. Die anderen haben sowieso keins weil sie nicht sehen können, welche Kämpfe ich aushalte. Und weil sie mit ihren eigenen beschäftigt sind.
Ich bin also diejenige die dafür Verständnis haben muss, dass ich immer wieder zusammenbreche und nicht leistungsfähig bin.
Ich muss aufhören mich dafür fertig zu machen, dass ich viele Schultage Zuhause im Bett verbringe weil ich nicht kann. Und weil ich es oft nicht ertrage, mich so respektlos behandeln und bevormunden zu lassen, wie es an meiner Schule der Fall ist (anderes Thema aber nicht unrelevant für mein Stresslevel).

Kaum jemand weiß, wie oft ich in den letzten 18 Monaten aufgegeben habe.
Kaum jemand weiß, dass ich genau so oft wieder aufgestanden bin und weitergemacht habe.

Ich erzähle den meisten nur von meinen guten Noten.
Von den lieben Bewohnern.
Von den tollen Arbeitskollegen.

Weil, wer würde verstehen, was das „window of tolerance“ ist?
Wer würde schon verstehen, dass ich entweder in der Übererregung gefangen bin oder zusammenbreche?
Wer würde mir das glauben, ich funktioniere doch so schön?

Es ist eine lange Reise, zu sich selbst und zu seinen Grenzen zu stehen in dieser kaputten Leistungsgesellschaft, in der man besser tot zur Arbeit geht als gar nicht.

Die Angst vor dem erneuten Verlust seiner Existenz auszublenden oder sie bewusst wahrzunehmen und trotzdem den Mut zu haben, immer mal wieder seine Grenzen nach Außen zu verteidigen und zu sagen „Stopp, es ist zu viel. Ich nehme mir jetzt eine Pause, egal wie lange sie dauern wird.“

Verurteilt wird man immer. Existenziell abhängig ist man auch immer. Aber Leben tut man nur einmal. Gesund ist man auch nur einmal.

 

 

 

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4 Antworten zu Vom window of tolerance und persönlichen Grenzen

  1. Ilanah schreibt:

    Das hast du sehr gut beschrieben!!
    Ich kann es sehr gut nachempfinden, meistens geht es mir ähnlich.
    Dami Charf finde ich auch sehr gut.

    PS: Darf ich deinen Eintrag rebloggen?

    Gefällt 1 Person

  2. Ilanah schreibt:

    Hat dies auf Das Leben – bunt wie ein Regenbogen rebloggt und kommentierte:
    Wofür mir oft die Worte fehlen, das hat das marienkäferchen sehr gut beschrieben. Und für alle Betroffenen lohnt es sich die Videos von Dami Charf anzuschauen.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Vom window of tolerance und persönlichen Grenzen | marienkaeferbayern – Time To Become Crazy

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